Marco Polo

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Das sogenannte »Buch der Wunder« entstand im Frankreich des 15. Jahrhunderts und wurde von den größten Buchmalern dieser Zeit illustriert. In 84 prachtvollen Miniaturen mit Gold erzählt die Handschrift die phantastische Geschichte des Handlungsreisenden Marco Polo.

Fol. 25v/26r: links die Krönungszeremonie Dschingis Khans; rechts das Eheanerbitten Dschingis Khans an den Priesterkönig Johannes wird zum diplomatischen Zwischenfall:die Kriegserklärung des Mongolenkhans wird überbracht.
Fol. 25v/26r: links die Krönungszeremonie Dschingis Khans; rechts das Eheanerbitten Dschingis Khans an den Priesterkönig Johannes wird zum diplomatischen Zwischenfall:die Kriegserklärung des Mongolenkhans wird überbracht.

Das Buch Der Wunder

Anmutige Buchmalerei über unbekannte Welten

Die Bilderhandschrift über Marco Polos phantastische Abenteuerreisen gehört zu den berühmtesten Handschriften des Mittelalters und gilt als ein Höhepunkt der französischen Buchmalerei.

Selten wurde ein weltliches Thema so umfangreich gewürdigt. Marco Polos Reportagen waren wie geschaffen dafür, illustriert zu werden, zumal die Neugier auf den legendären Osten in Europa schon immer ausgeprägt war.

Die größten Buchmaler ihrer Zeit schmückten die Handschrift mit bezaubernden Farben und Gold und schufen so ein einmaliges und prachtvolles Zeugnis einer mutigen Pioniertat.

Die prachtvollen Miniaturen

Auf den 192 Seiten befinden sich allein 84 großformatige Miniaturen. Diese können zwei verschiedenen Stilgruppen zugeordnet werden.

Eine davon wird dem berühmten Boucicaut-Meister zugezählt, der einer der größten Neuerer unter den Künstlern Nordeuropas vor den Brüdern van Eyck war. Ihm stand der sogenannte Mazarine-Meister zur Seite. Beiden können 37 der Miniaturen zugeordnet werden.

Auch die zweite Gruppe besticht durch ihre Qualität und die Sorgfalt der Künstler, deren Zusammenarbeit sehr eng gewesen sein muss. Zu nennen wären hier der Egerton-Meister und der Bedford-Meister. Diese beiden führten 44 Miniaturen aus.

Marco Polo- Faksimile
Marco Polo- Faksimile

Marco Polo und seine phantastische Reise

Die Geschichte, welche die besten Buchmaler zu dieser Meisterleistung beflügelte, ist die des Handelsreisenden Marco Polo. Schon dessen Vater und Onkel waren 1261 bis 1269 in Asien gewesen. 1271 brachen sie erneut dorthin auf und nahmen auch den jungen Marco mit.

Der Weg führte in mühevollen dreieinhalb Jahren über eine Riesendistanz: von Palästina über Persien und den Persischen Golf, Pakistan und Pamir nach Nordchina. Dort erreichten die drei den sagenumwobenen Hof des Mongolenherrschers Kublai Khan. Marco Polo gelang es, das Vertrauen des Großkhans zu gewinnen, er beherrschte mehrere Sprachen und auch die mongolischen Schriftzeichen. Kublai Khan betraute ihn mehrmals mit vertraulichen Missionen, die ihn durch weite Teile Ostasiens, aber auch in die Gebiete Südostasiens führten.

Erst 1292 begab sich Marco Polo auf die Rückreise, die ihn, diesmal über den Seeweg den Küsten des Indischen Ozeans entlang, über Bagdad nach Venedig führte. Hier ließ er sich nieder und gründete eine Familie.

Ein Bericht über wundersame Ereignisse

In einem Krieg Venedigs gegen Genua befehligte der Weitgereiste eine Galeere, wurde aber gefangengenommen und musste drei Jahre lang im Wehrturm von Genua verbringen. Hier teilte er eine Zelle mit einem Literaten namens Rusticello, der seine phantastischen Erlebnisse in französischer Sprache niederschrieb.

Dieses Werk, das sich nur über Abschriften erhalten hat, ist die erste präzise geographische und ethnologische Dokumentation von Ländern und Völkern des Orients. Sie beeinflusste sogar Kolumbus, der ein persönliches Exemplar der Handschrift besaß.

Fol. 67r: Quinsay, die »Stadt des Himmels«, von zahlreichen Kanälen durchzogen, mit 12.000 Stein­brücken. Um die enorme Größe der Stadt wiederzugeben, wählte der Maler bewusst nur einen Ausschnitt.
Fol. 67r: Quinsay, die »Stadt des Himmels«, von zahlreichen Kanälen durchzogen, mit 12.000 Stein­brücken. Um die enorme Größe der Stadt wiederzugeben, wählte der Maler bewusst nur einen Ausschnitt.

Das Morgenland ­ – eine geheimnisvolle Welt

Marco Polo hatte sich während der Reisen Notizen gemacht, um Kublai Khan alles genau erzählen zu können. In seinen Berichten erwähnt er aber auch Regionen, die er mit hoher Wahrscheinlichkeit nie selbst bereist hat. Das Einzigartige an dieser Handschrift ist die Tatsache, dass es sich um ein Buch handelt, in dem Wirklichkeit und Phantasie aufeinandertreffen, wo mittelalterliche Vorstellungswelten mit europäischen Traditionen, Sagen und Geschichten verwoben sind.

Das bewegte Schicksal einer Handschrift

Seit ihrer Entstehung hat die unter dem Namen Buch der Wunder bekannte Handschrift eine ereignisreiche Geschichte hinter sich.

Ursprünglicher Besitzer der Handschrift war vermutlich Johann Ohnefurcht, Herzog von Burgund. Sicher ist nur, dass sie in den Inventaren des Herzogs von Berry auftaucht, die das Prachtwerk als Geschenk des Burgunderherzogs verzeichnen. Auch viele persönliche Symbole und Hinweise deuten auf Johann als Auftraggeber hin. Nach dem Tod des Herzogs von Berry ging das Werk an die Familie Armagnac über. Genaueres ist aber bis heute nicht bekannt.

Danach verschwindet der Codex im Dunkel der Geschichte, woraus er erst in der Bibliothek König Franz’ I. Anfang des 16. Jahrhunderts auftaucht. Ende des 17. Jahrhunderts erhielt die Handschrift ihren heutigen Einband, geschmückt mit dem königlichen Wappen.

Fol. 86v: Das Löschen der Schiffs­ladungen illustriert die regen Han­delsgeschäfte der Stadt Cambaet.
Fol. 86v: Das Löschen der Schiffs­ladungen illustriert die regen Han­delsgeschäfte der Stadt Cambaet.

Die Faksimile-Edition

Die Faksimile-Edition erscheint in einer einmaligen, streng auf 980 Exemplare limitierten Auflage. Auf 192 großformatigen Seiten im Format von 42,0 x 30,0 cm werden die spannenden Abenteuerreisen des Marco Polo in einem einzigartigen Kunstwerk erzählt. In Kombination von modernsten technischen Verfahren und bewährter Handarbeit nach traditionellen Methoden entstand so ein absolutes Ebenbild der Originalhandschrift. Der Einband ist aus braunem Kalbsleder, geschmückt mit dem königlichen Wappen. Die Stehkanten sind handvergoldet; die Lagen wurden von Hand geheftet.

Der Kommentarband

Ein umfangreicher zweisprachiger Kommentarband (deutsch/französisch) mit über 500 Seiten vereinigt Beiträge namhafter Experten: Jean Richard, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Dijon und Mitglied des Institut de France; François Avril, Chefkonservator der Handschriftenabteilung der Bibliothèque nationale in Paris; Jacques Monfrin, Professor für romanische Philologie und Ehrendirektor der Ecole des Chartes (Paris); Marie-Thérèse Gousset, Konservatorin in der Handschriftenabteilung der Bibliothèque nationale, und Marie-Hélène Tesnière, Konservatorin an der Handschriftenabteilung der Bibliothèque nationale.

Die Edition wird zusammen mit dem Kommentarband in einer edlen, mit tiefblauer Chinaseide bezogenen Buchkassette geliefert.

Fol. 88r: Madagaskar. Vier Reisende steigen einen Bergpfad hinan. Zu sehen sind drei nuanciert dargestellte Städte und die wunder­same Tierwelt dieser Insel: Elefan­ten, darüber ein Adler; ein Greif fliegt mit einem Schaf im Schnabel davon.
Fol. 88r: Madagaskar. Vier Reisende steigen einen Bergpfad hinan. Zu sehen sind drei nuanciert dargestellte Städte und die wunder­same Tierwelt dieser Insel: Elefan­ten, darüber ein Adler; ein Greif fliegt mit einem Schaf im Schnabel davon.