Les Très Belles Heures de Notre-Dame

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Schon im Mittelalter war das Stundenbuch wegen seiner Schönheit und luxuriösen Ausstattung als Kunst- und Sammelobjekt geschätzt. Die Zusammenarbeit verschiedener Meister macht seinen besonderen Reiz aus. Im Verlauf seiner wechselhaften Geschichte wurde das Werk in die Einzelteile Stunden-, Mess- und Gebetsbuch zerlegt.

Der aufgeschlagene Band zeigt die Miniatur auf p.76: Krönung Marias, Ausführung vom Paramentenmeister.
Der aufgeschlagene Band zeigt die Miniatur auf p.76: Krönung Marias, Ausführung vom Paramentenmeister.

Glanzvolle Bilderhandschrift  Des Herzogs Von Berry

Eines der prachtvollsten Stundenbücher

Die Bilderhandschrift Très Belles Heures markiert einen Höhepunkt mittelalterlicher Buchmalerei, geschaffen zu Beginn des 15. Jahrhunderts von den begnadetsten Künstlern jener Zeit. Auf 25 Miniaturseiten entfaltet sich die ganze Pracht der Buchmalerei, für die diese Handschrift berühmt ist. Nicht umsonst ist sie im Inventar des Herzogs von Berry als »sehr schönes Stundenbuch Unserer Lieben Frau in kunstvollen Lettern« beschrieben.

Sowohl Text als auch Bild werden mit demselben erstaunlichen Aufwand ausgeschmückt. Verschwenderisches Gold und Farben von unerhörter Leuchtkraft werden für Szenen verwendet, die in kräftigen Bildern vom spätmittelalterlichen religiösen, aber auch profanen Leben erzählen.

Jede der Miniaturseiten besteht aus drei Elementen. Einmal ist da die große, tafelbildartige Miniatur, dann eine prachtvolle Initiale und schließlich eine figürliche Szene am unteren Blattrand. Insgesamt entstand so ein geschlossener Eindruck von höchster gestalterischer Qualität.

 

Les Très Belles Heures de Notre-Dame- Faksimile
Les Très Belles Heures de Notre-Dame- Faksimile

Monumentalwerk mit abenteuerlicher Geschichte

Die Très Belles Heures de Notre-Dame bildeten in ihrer ursprünglichen Gestalt eine der monumentalsten Handschriftenkonzeptionen der Kunstgeschichte. Aufgrund ihrer Schönheit und luxuriösen, aufwendigen Ausstattung war das Werk schon im Mittelalter als Kunst- und Sammelobjekt geschätzt. Im Verlauf ihrer wechselvollen Geschichte wurde die Handschrift nämlich in drei Teile aufgeteilt.

1412 schenkte der Herzog von Berry die gewaltige Bilderhandschrift seinem Schatzmeister Robinet d’Estampes. Dieser behielt das eigentliche Stundenbuch für sich. Die beiden anderen Teile des Werkes ­ spezielle Gebete an einzelne Heilige und ein Messbuch ­ gingen an das Haus von Bayern-Holland.

Später gelangte das Messbuch nach Mailand, die Gebete kamen nach Turin. Die Turiner Gebete sind heute leider verloren: Sie fielen dem Brand der Bibliothek von 1904 zum Opfer, mit Ausnahme von vier Blättern, die sich heute im Musée du Louvre in Paris befinden (siehe Eintrag Die Blätter im Louvre). Das Messbuch, das man heute Turin-Mailänder Stundenbuch nennt und das ebenfalls vom Faksimile Verlag faksimiliert wurde, wird heute in Turin aufbewahrt.

Das eigentliche Stundenbuch, das Robinet behalten hatte, blieb bis ins 18. Jahrhundert in Familienbesitz. Im 19. Jahrhundert wurde es von Baron Alphonse de Rothschild erworben, dessen Nachkommen die Handschrift 1956 der Bibliothèque nationale in Paris überließen.

P. 169: Die Auferstehung der Toten; »Heilig-Geist«-Meister. In wilder Landschaft mit prächtiger Burg steigen zartgliedrige Figuren, tiefe Gemütsbewegung zeigend, aus der Erde. Darunter schauen zwei Männer der Firmung von Kindern zu.
P. 169: Die Auferstehung der Toten; »Heilig-Geist«-Meister. In wilder Landschaft mit prächtiger Burg steigen zartgliedrige Figuren, tiefe Gemütsbewegung zeigend, aus der Erde. Darunter schauen zwei Männer der Firmung von Kindern zu.

Einzigartige Stellung in der Kunstgeschichte

Nach langwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen durch den Verfasser des Kommentarbandes konnte eine bisher unbekannte, erstaunliche Tatsache festgestellt werden: Offensichtlich waren alle an der Handschrift beteiligten Maler eigentlich Tafelmaler.

Jede einzelne Miniatur ist ein Kunstwerk für sich, eine Facette der reichhaltigen Fülle der Buchmalerei, die sich nicht auf die Traditionen der Metropole Paris beschränkte, sondern auch Maler aus Flandern miteinbezog.

Diese Zusammenarbeit verschiedener Meister macht die Handschrift besonders reizvoll. Beteiligt waren der Meister des Paraments mit seiner monumentalen Kunst, der »Heilig-Geist«-Meister mit seinen heftig bewegten Bildern und schließlich der Meister Johannes des Täufers mit seinen weichen Farbtönen. Dazu kommt noch die herausragende Kunst der Brüder Limburg, denen zwei Miniaturseiten zugeschrieben werden. Die Künstler waren frei von vorgegebenen Gestaltungsprinzipien mittelalterlicher Buchmalerwerkstätten und verfuhren weitgehend nach eigenen Vorstellungen.

Aber dieses außerordentliche Werk der Pariser Buchmalerei um 1400 ist noch mehr: Es erwies sich als das wichtigste Zeugnis der weitgehend verlorengegangenen französischen Tafelmalerei dieser Epoche.

Die einzigartige Gestaltung von Rahmung und Architektur wurde von den Malern dieses kunstgeschichtlich so wichtigen Werkes vermutlich zum ersten und zum letzten Mal ausprobiert. In einer ergänzenden Arbeit trugen nach 1412 auch die berühmten Brüder Limburg zur Perfektion dieser Handschrift bei: Sie gestalteten die letzten beiden Bilder der Handschrift in ihrem bekannten, überragenden Stil.

 

p. 197: Passions-Terz:  Die Geißelung Christi
p. 197: Passions-Terz: Die Geißelung Christi

Die Faksimile-Edition

Die 252 Seiten im Format von 28,0 x 20,0 cm mit Pinsel- und Blattgold versehenen Miniaturen, Texte und historisierenden Initialen, Zierleisten und Ornamente wurden bis hin zum kleinsten Detail originalgetreu faksimiliert.

Der prächtige Bucheinband in rotem Leder ist reich mit goldener Zierprägung und einem Wappen geschmückt; Steh- und Innenkanten sind vergoldet. In aufwendiger Handarbeit wurden die Blätter auf sechs echte Bünde geheftet.

 

p. 209: Passions-Non:  Die Kreuzigung Christi
p. 209: Passions-Non: Die Kreuzigung Christi

Der Kommentarband

Zur Faksimile-Edition gehört als Schlüssel zum Verständnis ein wissenschaftlicher Kommentarband, in Ausstattung und Format dem Faksimile angepasst, verfasst von Eberhard König, Professor an der Freien Universität Berlin. Hier werden die Miniaturseiten ausführlich und verständlich kommentiert und die Schicksale dieses Stundenbuches, seiner Künstler und seines Auftraggebers beschrieben.