Krönungsevangeliar des Heiligen Römischen Reiches

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Um 800 an der Palastschule Karls des Großen entstanden, entwickelte sich der Codex Aureus auf Purpurseiten zum bedeutendsten Buch des Mittelalters: als Teil der Reichsinsignien spielte es bei jeder Königskrönung zum römisch-deutschen König eine zentrale Rolle.

Die karolingische Handschrift und der spätgotische Einband fügen sich trotz des Abstands von 700 Jahren zu einem harmonischen Ganzen.
Die karolingische Handschrift und der spätgotische Einband fügen sich trotz des Abstands von 700 Jahren zu einem harmonischen Ganzen.


Das Wichtigste Buch Des Mittelalters

Geschichte und Protokoll

Das Krönungsevangeliar kann mit Fug und Recht als das bedeutendste Buch des Mittelalters bezeichnet werden, denn es war spätestens seit dem 12. Jahrhundert bei jeder Krönung eines römischen-deutschen Königs anwesend, soweit wir wissen als »Schwurbibel« sogar zentraler Bestandteil der Zeremonie. Um ihren symbolischen und protokollarischen Gehalt zu unterstreichen, wurde die ursprünglich karolingische Handschrift um das Jahr 1500 mit einem gold- und edelsteinglänzenden Buchdeckel versehen, der es zu einem würdigen Bestandteil der Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation machte. Diese Reichsinsignien werden heute in der Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien aufbewahrt.

Hauptwerk der sogenannten Palastschule

Gemeinsam mit wenigen anderen Handschriften der Karlszeit wird das Krönungsevangeliar der sogenannten Palastschule zugerechnet. Im Gegensatz zur zeitgleich agierenden Hofschule ging es dieser Künstlergruppierung um die Wiederbelebung der hellenistischen Kunst: Die dargestellten Evangelisten sitzen antiken Philosophen gleichend in freiem Raum vor offenen Landschaften und Architekturelementen. Raum- und Bildkonzepte sind illusionistisch und grundverschieden vom Schichtstufenraum sonstiger mittelalterlicher Kunst. Auch die Kanontafeln sind mit ihrem Gebälktypus der antiken Kunst (hier: der Architektur) verpflichtet. Die Buchmalerei wirkt moderner als die »mittelalterliche« Kunst, greift aber um Jahrhunderte zurück auf die Kunst des Mittelmeerraums. So vermutet man denn auch, dass die Buchmaler aus Italien oder gar aus Byzanz kamen.

Aachen 795 und 1000 n. Chr.

Um das Jahr 795 wurde das Krönungsevangeliar in Aachen geschrieben und illuminiert. Es war von Anfang an als herausragendes Werk geplant: Ganz in goldener Tinte auf purpurgefärbten Seiten geschrieben, unterstrich es den Anspruch Karls, in der Tradition der römischen Cäsaren zu stehen (obwohl die Kaiserkrönung erst fünf Jahre später erfolgen sollte). Dem Urteil seiner Zeitgenossen und späterer Jahrhunderte gemäß, löste Karl diesen Anspruch voll und ganz ein. Das Unterpfand seiner Ambition aber ließ er sich bei seinem Tod 814 mit ins Grab legen. Man weiß bis heute nicht genau, wo sich das Grab Karls des Großen befindet. Insofern ist auch unbekannt, wo sich im Jahr 1000 die für die Handschrift so bedeutende legendenhafte Begebenheit abgespielt haben mag: Otto III. ließ nämlich das Grab öffnen und entdeckte den Codex auf den Knien des sitzend bestatteten Kaisers. Er entnahm das Buch – und legte damit den Grundstein zu dessen Aufstieg zu dem zentralen Buchkunstwerk des Reiches. Bei den Königskrönungen, die bis 1531 ausnahmslos in Aachen stattfanden, wurde das Buch der Überlieferung nach auf der ersten Seite des Johannesevangeliums aufgeschlagen, und der zukünftige König leistete seinen Schwur unter den Augen des Evangelisten Johannes auf die Worte »Im Anfang war das Wort«.

Fol. 15r: Der Evangelist Matthäus, dargestellt in der Manier eines antiken Philosophen.
Fol. 15r: Der Evangelist Matthäus, dargestellt in der Manier eines antiken Philosophen.

Codex Aureus et Argenteus

Der bei Königskrönungen üblichen Prachtentfaltung entspricht der Prunk dieser Handschrift. Alle Seiten sind purpurgefärbt – wobei man pflanzliche Ersatzstoffe verwendete, denen man wohl kleine Mengen des kaum erhältlichen und ungeheuer teuren echten Purpurs beimengte. Auf diesen ehrwürdigen dunkelroten Untergrund schrieb man dann mit Goldtinte die vier Evangelientexte. Überschriften und Marginaltexte (Verweise der Evangelien untereinander) wurden mit Silbertinte geschrieben. Miniaturen und sonstige Zierseiten wurden mit hauchdünnem, extrem flachem Blattgold belegt. Die Handschrift selbst war für die Dauer ihrer Benutzung in roten Samt eingebunden. Inzwischen sind Einband und Handschrift aus konservatorischen Gründen voneinander getrennt: Der Einband wird in der Schatzkammer präsentiert, das Manuskript liegt hingegen im Klimatresor. In der Faksimile-Edition sind beide Bestandteile des Buches vereint zu erleben.

Der Prachteinband

Selbst nach Maßstäben imperialer Pracht ist der Einbanddeckel von herausragender Bedeutung und Schönheit. Hans von Reutlingen schuf um 1500 das teilweise vollplastische Relief, in dessen Mitte Gottvater thront, der die zu seinen Seiten dargestellte Verkündigung an Maria ins Werk setzt – einen der Schlüsselmomente des neutestamentlichen Heilsgeschehens. In den vier Ecken sind die Evangelisten mittels ihrer Symbole angebracht (in der Handschrift selbst wird auf dieses typisch mittelalterliche Visualisierungselement komplett verzichtet). Feinstes Maß- und Stabwerk umspielt die Figuren, jedes Detail ist ein Meisterwerk hochgotischer Goldschmiedekunst. Um den luxuriösen Eindruck noch zu erhöhen, wurden Edelsteine über den Deckel verteilt und in handgeschmiedeten Fassungen verankert. Besonders auffällig ist der große Saphir auf der Brust der Gottvatergestalt.

Das Faksimile – ein Sammlerstück und Kunstwerk

Die einmalige und vollständige Faksimilierung des Krönungsevangeliars erscheint in einer Auflage von nur 333 handnummerierten Exemplaren. Der Faksimileband umfasst 472 Seiten im Originalformat 340 x 265 mm. Jede Seite des Buches ist vollkommen purpurfarben. Die vier ganzseitigen Evangelistenporträts sind mit 23 Karat echtvergoldet. Das Gold der 16 Kanontafeln, der vier Initialseiten sowie der Textseiten wird mit Foliengold wiedergegeben. Jedes einzelne Blatt ist gemäß den Original-Blattkonturen gestanzt und in einzelnen Lagen von Hand auf fünf echte Doppelbünde geheftet und an Kopf- und Fußschnitt mit einem handumstochenen Kapitalband versehen. Die Schmuckplatte des Einbandes ist aus Kupfer, vernickelt, versilbert, vergoldet und von Hand patiniert; auf dem Einband befinden sich 19 Schmucksteine: Amethysten, Rauchquarze, ein Turmalin, Glassteine und ein synthetischer Saphir; die Rahmen sind mit Gravuren versehen, vergoldete Schließen und fünf vergoldete Buchknöpfe auf dem Rückdeckel des Faksimiles runden die Edition ab. Die Kassette besteht aus einem Sockel mit schwarz bezogenem Velour sowie Ahornholz-Elementen, darüber eine Haube aus UV-absorbierendem Acrylglas.

Der Kommentarband

Bedingt durch die unbefriedigende Forschungslage und die aufwendigen materialtechnischen Untersuchungen hat sich der Verlag entschlossen, die Faksimile-Edition bis zur Fertigstellung des finalen Kommentarbandes zunächst mit einem Interimskommentar auszuliefern. Es handelt sich um einen von Fabrizio Crivello herausgegebenen Neudruck der bahnbrechenden Arbeit von Wilhelm Koehler zumKrönungsevangeliar. Der finale Kommentar hat einen Umfang von ca. 208 Seiten und wird von einem internationalen Team von Wissenschaftlern unter Leitung von Dr. Franz Kirchweger (Kunsthistorisches Museum Wien) erarbeitet. Mitarbeiter sind unter anderem Florentine Mütherich, Herrmann Fillitz, Fabrizio Crivello und Matthias Exner.