Blumen-Stundenbuch von Simon Bening

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Der berühmteste Buchmaler seiner Zeit schuf im 16. Jahrhundert mit dem Stundenbuch eines der schönsten Werke der Buchmalerei. Die einmalige Vielfalt und Farbenpracht des lockeren Streumusters von Blumen und Tieren sowie die unterschiedlichsten Formen der Seitengestaltung zeugen von der Kunstfertigkeit des Meisters.

Der aufgeschlagene Band zeigt die Miniatur auf Fol. 93v: die Anbetung der Könige.
Der aufgeschlagene Band zeigt die Miniatur auf Fol. 93v: die Anbetung der Könige.

 

Schönste ­ Flamische Buchmalerei

Höhepunkt flämischer Buchmalerei

Das Blumen-Stundenbuch von Simon Bening gehört zu den schönsten Werken der Buchmalerei. Es demonstriert eindrucksvoll den hohen Rang der flämischen Buchkunst des 16. Jahrhunderts.

Zwei Besonderheiten heben dieses Meisterwerk unter allen Stundenbüchern hervor: zum einen das lockere Streumuster von Blumen oder Vögeln, das jede Textseite ziert; zum anderen die vielen unterschiedlichen Formen der Seitengestaltung innerhalb einer Handschrift. Deshalb gilt dieses Werk in seiner Gestaltungsvielfalt als unübertroffener Höhepunkt seiner Zeit.

Stundenbücher ­ mittelalterliche »Bestseller«

Die große Zeit der Stundenbücher begann im Mittelalter. Ursprünglich enthielten sie lediglich lateinische Gebetstexte und dienten adeligen Laien als schlichte, persönliche Andachtsbücher. Später legte man größeren Wert auf Reichtum der Ausstattung und Schönheit der Gestaltung. Der ästhetische Genuss wurde wichtiger als die geistige Erbauung. Simon Benings Blumen-­Stundenbuch ist dafür ein prächtiges Beispiel. Er war wohl einer der letzten großen Meister seines Fachs.

 

Fol. 1r: Kalender, Januar. Bei allen Kalenderbildern wird durch das Rahmensystem die Illusion erweckt, man blicke auf einen großen Prospekt, der durch den Schrift­spiegel nur verstellt wird.
Fol. 1r: Kalender, Januar. Bei allen Kalenderbildern wird durch das Rahmensystem die Illusion erweckt, man blicke auf einen großen Prospekt, der durch den Schrift­spiegel nur verstellt wird.

 

Ein »Star« unter den Buchmalern

Simon Bening stammte aus einer Künstlerfamilie. Schon sein Vater war Buchmaler gewesen, es lässt sich jedoch kein Werk eindeutig mit ihm in Verbindung bringen.

Simon war ohne Zweifel der berühmteste Buchmaler seiner Zeit. Er wurde 1483, vermutlich in Gent, geboren. 1500 scheint er schon künstlerisch tätig gewesen zu sein. In den Jahren bis 1519, als er das Bürgerrecht von Brügge erwarb, war er offensichtlich sowohl dort als auch in Gent tätig.

Er war zweimal verheiratet und hatte insgesamt fünf Töchter. 78-jährig starb er im Jahre 1561.

Die Texte des Stundenbuches

Wie bei Stundenbüchern allgemein üblich, beginnt die Handschrift auch hier mit einem Kalender. Danach folgt ein Eröffnungsgebet, an das sich Auszüge aus den vier Evangelien anschließen. Danach sind sieben verschiedene Gebetsstunden eingefügt, die jeweils das Passionsgeschehen veranschaulichen; der Bericht folgt vollständig dem Bericht des Evangelisten Johannes.

Das Kernstück des Stundenbuches ist aber das Marienoffizium, das sich aus biblischen Texten wie etwa Psalmen zusammensetzt. Abgeschlossen wird das Werk durch die sieben Bußpsalmen, eine Litanei, ein Totenoffizium sowie verschiedene Gebete an die Trinität, an Maria und einige Heilige. Der Text folgt dem Gebrauch nach Rom und engt daher die Verwendung des Stundenbuchs nicht ein. Es konnte gleichsam »international« verwendet werden, ohne lokale Einschränkungen befürchten zu müssen.

Die Schrift des Stundenbuches, eine »Gotica Rotunda«, ist durchgehend einheitlich und daher höchstwahrscheinlich von nur einem Schreiber aufgezeichnet worden.

Fol. 14v: Der Evangelist Markus beim Schreiben. Im Rahmen  der für das Werk typische pracht­volle Blumenschmuck, ergänzt durch Insekten und Vögel.
Fol. 14v: Der Evangelist Markus beim Schreiben. Im Rahmen der für das Werk typische pracht­volle Blumenschmuck, ergänzt durch Insekten und Vögel.

 

Das phantastische Dekor

Besonders faszinierend ist die Art, wie der Künstler die Textseiten der Handschrift mit Einzelmotiven ausgeschmückt hat. Simon Bening experimentierte gern und spielte alle Variationsmöglichkeiten durch; und das in einer Vielfalt, die sehr selten ist.

Die Objekte haben keinerlei Rahmung und werfen deutliche Schlagschatten auf die Seite. Dies erweckt beim Betrachter die verblüffende Illusion, dass sich die kleinen Gegenstände tatsächlich auf der Seite befinden. Besonders eindrucksvoll sind beispielsweise Libellen, die sich scheinbar von Blüten täuschen ließen und dort Platz genommen haben, um so ihrerseits den Betrachter zu täuschen.

In Bezug auf die Auswahl der Motive überwiegt eine Mischung von verschiedensten Blumen und Tieren, wobei die dargestellten Blumen von einer Vielfalt und Farbenpracht sind, die in der Buchmalerei einmalig ist.

Die Miniaturen ­ – Kreativität eines Genies

Simon Bening schöpfte aus einem ungewöhnlich breiten Spektrum an Quellen, die von den Tafelbildern des Hugo van der Goes bis hin zu Stichen von Schongauer reichen. Zudem ging er unglaublich kreativ mit diesen Vorlagen um, indem er sie abwandelte, kombinierte oder um Einzelmotive bereicherte.

In den Miniaturen wird nicht nur die jeweilige Hauptszene festgehalten, sondern auch die Alltagswirklichkeit ins Bild gesetzt, vor allem in den Kalenderbildern.

Jeder Ausschnitt der Wirklichkeit ist interessant genug, um liebevoll ausgestaltet zu werden. Da sieht man die Bauern auf dem Feld je nach Jahreszeit ihre unterschiedliche Arbeit verrichten.

Aber auch Vergnügungen kommen nicht zu kurz: Bootspartien und Schlittenfahrten gehören dazu, sogar ein Turnier findet statt. Jedes Blatt dieses einzigartigen Werks bezeugt das meisterliche Können Simon Benings. Seine Bilderfindungen zeugen von unendlichem Einfallsreichtum.

Fol. 103v:  Die Flucht nach Ägypten
Fol. 103v: Die Flucht nach Ägypten

 

Die Faksimile-Edition

Der Faksimileband umfasst 438 Seiten im Originalformat von 16,5 x 11,2 cm. Er ist mit 70 Miniaturseiten und über 300 Seiten mit einer Fülle an Buchschmuck, vor allem Blumen, aber auch Vögeln und anderem Getier, ausgestattet. Modernste elektronische Herstellungsverfahren in Verbindung mit aufwendiger Handarbeit sorgen für die originalgetreue Wiedergabe. Die Blätter sind auf allen Seiten mit Goldschnitt versehen.

Die Edition erscheint in einer einmaligen, streng limitierten Auflage von 980 numerierten Exemplaren. Die Ausgabe mit zwei vergoldeten Schließen ist vergriffen.

Die Normalsausgabe ist mit rotem Samt überzogen.

Der Kommentarband

Der Kommentarband, anlässlich der Faksimilierung der Handschrift verfasst, enthält auf 431 Seiten die neuesten Untersuchungen anerkannter Experten: Prof. Dr. Eberhard König, Berlin, und Dr. Bodo Brinkmann.

Faksimile und Kommentarband werden in einer schützenden Acrylglaskassette geliefert.